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Lebenssituation

Lebenssituation älterer Menschen

Die Lebenssituation älterer Menschen war über viele Jahrhunderte sowohl für Männer als auch für Frauen relativ einheitlich. Erst in den letzten Jahrzehnten haben sich die Lebenssituationen älterer Menschen mehr und mehr verändert. Das hat verschiedene Gründe: Die Lebensläufe von Frauen und Männern sind heute sehr viel heterogener. Durch den Wandel der Arbeitswelten, durch Technisierung, Automatisierung und nun Digitalisierung sind die beruflichen Werdegänge heute weitaus differenzierter und individueller. Die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen, einschließlich einer verbesserten Gesundheitsversorgung, haben positive Auswirkungen auf die Phase des Älterwerdens bis in hohe Alter. Die Lebenserwartung ist deutlich gestiegen, und diese Entwicklung setzt sich fort (siehe Demografischer Wandel).

Für die Verantwortlichen in der Kommune und in der Seniorenarbeit hat die Vielfalt der Lebenssituationen älterer Menschen mit unterschiedlichen Bedarfen, Wünschen, Zielen und Fähigkeiten eine besondere Bedeutung. Auf der einen Seite birgt diese Vielfalt ein großes Potenzial für die Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Auf der anderen Seite stellt die Achtung der Vielfalt auch hohe Anforderungen. Die Berücksichtigung der jeweiligen Lebenssituation ist grundlegend für eine individuelle Versorgung und Betreuung zur Aufrechterhaltung eines selbstbestimmten Lebens. Der Respekt vor Individualität und die Achtung der Vielfalt sind dabei für das Verhältnis von Alter(n) und Gesellschaft gleichermaßen wichtig.

Soziale und familiäre Situation

Die Lebenssituation älterer Menschen hat sich auch durch die veränderten Familien- und Sozialstrukturen und nicht zuletzt durch die Entwicklung des Sozialstaats gewandelt. Die Anzahl der Kinder je Familie ist drastisch gesunken. Viele ältere Menschen haben keine Kinder. Die Mehrzahl älterer Menschen lebt in einem Ein- oder Zweipersonenhaushalt. Oft sind Familienangehörige aus beruflichen Gründen in andere Städte verzogen. Die Anzahl der berufstätigen Frauen und Mütter ist stark gestiegen. Die Versorgung und Betreuung älterer Menschen kann vielfach durch die Familie nicht mehr gewährleistet werden.

Zudem prägen individuelle Lebensverläufe die Lebenssituation, woraus sich für jeden Einzelnen in verschiedenen Zeitphasen unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten oder auch Einschränkungen der persönlichen Freiräume ergeben können. So können durch individuelle Entwicklungen im Leben soziale Ungleichheiten entstehen. Ebenso können körperliche und psychische Befindlichkeiten die Lebenssituation älterer Menschen individuell stark beeinflussen.

Lebenslage

Der Begriff „Lebenslage“ beschreibt die Höhe und Verteilungsform des gesellschaftlichen Reichtums, der sozialen Chancen, der politischen Freiheiten sowie der kulturellen Potenziale, unter denen Menschen leben.

Eine ganzheitliche Betrachtung der Lebenslage offenbart eine Vielzahl von Faktoren und macht die große Spannbreite der möglichen Ausdifferenzierung der Lebenssituationen älterer Menschen sehr deutlich. Auf dieser Basis ergeben sich für die Menschen unterschiedliche Chancen bei der Erwirtschaftung des Einkommens und ggf. des Vermögens und im Hinblick auf Bildung sowie Rechte und Entwicklungen.

Für die Lebenslage im Alter sind nicht nur die materielle und finanzielle Versorgung relevant. Wichtig für die Lebensgestaltung und das Wohlbefinden älterer Menschen sind auch folgende Fragestellungen:

  • Ist die Einbindung und ggf. Unterstützung durch die Familie gegeben?
  • Welche unterstützenden Dienstleistungs- und Betreuungsangebote zur Alltagsgestaltung oder Gesundheitsvorsorge stehen zur Verfügung?
  • In welchem Umfang ist die soziale Teilhabe älterer Menschen auch ohne Familie gewährleistet?
  • In welchem Umfang ist die medizinische und pflegerische Versorgung gewährleistet?
  • Wie hoch ist das Einkommen durch Rente, Grundsicherung etc.; ist dieses Einkommen ausreichend zur Gestaltung des Alltags, einschließlich der Nutzung von erforderlichen Dienstleistungen?
  • Wie werden ältere Menschen wahrgenommen; spiegelt sich die Wertschätzung im respektvollen Umgang mit älteren Menschen wider, zum Beispiel auch im Altersbild der Gesellschaft?

Die Lebenssituation und Lebenslage sind auch deutlich dadurch geprägt, wie ältere Menschen in ihrem Alltag zurechtkommen: Wie reagieren sie auf Veränderungen? Sind sie in der Lage, sich auf neue Gegebenheiten einzulassen und sich damit zu arrangieren? Diese Fähigkeit ist bei den Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Handlungs- und Entscheidungsspielräume

In der Gerontologie werden mit Blick auf die Lebenslage älterer Menschen insgesamt sieben Bereiche unterschieden, die – je nach Lebenslage – durch unterschiedliche Handlungs- und Entscheidungsspielräume gekennzeichnet sind:

  1. Der Vermögens- und Einkommensspielraum
  2. Der materielle Versorgungsspielraum: Er bezieht sich auf den Umfang der Versorgung mit Gütern und Diensten, insbesondere des Wohnbereichs, des Bildungs- und Gesundheitswesens, inkl. Art und Ausmaß infrastruktureller Einrichtungen, Dienste und Angebote des übrigen Sozial- und Gesundheitswesens.
  3. Der Kontakt-, Kooperations- und Aktivitätsspielraum: Er betrifft die Möglichkeit der Kommunikation, der Interaktion, des Zusammenwirkens mit anderen sowie der außerberuflichen Betätigung.
  4. Der Lern- und Erfahrungsspielraum: Er steckt die Möglichkeiten der Entfaltung, Weiterentwicklung und der Interessen ab, die durch Sozialisation, schulische und berufliche Bildung, Erfahrungen in der Arbeitswelt sowie durch das Ausmaß sozialer und räumlicher Mobilität und die jeweiligen Wohn- und Umweltbedingungen determiniert sind.
  5. Der Disposition- und Partizipationsspielraum: Er beschreibt das Ausmaß der Teilnahme, der Mitbestimmung und der Mitgestaltung in den verschiedenen Lebensbereichen.
  6. Der Muße- und Regenerationsspielraum sowie der Spielraum, der durch alterstypische, psycho-physische Veränderungen – also vor allem im Gesundheitszustand und in der körperlichen Konstitution – bestimmt wird.
  7. Der Spielraum, der durch die Existenz von Unterstützungsressourcen bei alterstypischer Hilfe- und Pflegeabhängigkeit aus dem familialen und/oder nachbarschaftlichen Umfeld bestimmt ist.  

Diese sieben Handlungsspielräume überschneiden sich im Alltag der Menschen. Sie sind gebunden an die vorhandenen Strukturen in den Kommunen sowie an die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, die sich im Laufe des Lebens verändern.

Ausblick

Wie werden sich die Lebenssituationen älterer Menschen in den nächsten Jahren verändern? Demografische Studien des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) geben dazu einen Ausblick. 2017 hat das DZA die 3. Auflage des Fact Sheet „Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland“ veröffentlicht. Die demografischen Fakten hat das DZA in neun Kernaussagen zusammengefasst:

Kernaussagen

  1. Die Lebenserwartung steigt weiter. Frauen und Männer erreichen ein immer höheres Lebensalter.
  2. Der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung wächst weiter.
  3. Die meisten älteren Menschen leben in einem Privathaushalt und überwiegend mit einem Partner oder einer Partnerin zusammen. Mit steigendem Alter nimmt aber auch die Zahl der Alleinlebenden und der in Alten- oder Pflegeheimen Versorgten zu.
  4. Nur eine kleine Minderheit der älteren Menschen ist pflegebedürftig. Aber die Zahl der Pflegebedürftigen wird weiter steigen.
  5. Die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen.
  6. Der Übergang in den Ruhestand aufgrund von Altersrente erfolgt im Durchschnitt mit 64 Jahren.
  7. Altersarmut betrifft ein knappes Fünftel älterer Frauen.
  8. Ältere Menschen sind mit ihrem Leben ebenso zufrieden wie jüngere.
  9. Freiwilliges Engagement ist auch bei Älteren verbreitet. Sie engagieren sich häufiger im sozialen Bereich als Jüngere.


(Quelle: DZA-Fact Sheet „Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland“, 2017)

Literaturhinweise

weiter

Gertrud M. Backes/Wolfgang Clemens: Lebenslagen im Alter – Erscheinungsformen und Entwicklungstendenzen. In: Lebenslagen im Alter. Gesellschaftliche Bedingungen und Grenzen. Hrsg. von Gertrud M. Backes und Wolfgang Clemens, Opladen: Leske und Budrich, 2000.

Gerhard Naegele: Lebenslagen älterer Menschen. In: Psychosoziale Gerontologie, Band 1: Grundlagen. Hrsg. von Andreas Kruse, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle: Hogrefe, 1998.

Wolfgang Clemens: „Lebenslage“ als Konzept sozialer Ungleichheit – Zur Thematisierung sozialer Differenzierung in Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit. In: Zeitschrift für Sozialreform, Jg. 40, H. 3, 1994.

Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA): DZA-Fact Sheet „Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland“, 3. aktualisierte und überarbeitete Auflage 2017 (mit detaillierten Erläuterungen, demografischen Daten und Tabellen zur Vorausberechnung der Bevölkerung in Deutschland 2015 bis 2060).
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